Konversionstherapie

Sexualität gestalten - Entscheidungen treffen!

Welches Bild der Sexualität wird vertreten?
Bezüglich der derzeitigen Diskussion rund um die Konversionstherapie, wird ein sehr klares aber auch begrenztes Bild der Sexualität angenommen: Sie ist festgelegt und unveränderlich und das schon vor der Geburt. Das wird inzwischen mantraartig skandiert. Und in dieser Logik sind alle Versuche einer Veränderung (Konversionstherapie) unmöglich und richten Schäden an (einige schreibe sogar von Traumata, andere sind differenzierter und schreiben: könnten schädigen). Aber, ist das so?

Bei diesen Annahmen müssen wir zwei Fragen nachgehen.
Erstens: Ist die Sexualität wirklich so starr festgelegt? Stimmt das Credo: Einmal schwul, immer schwul? Und zweitens: Kann man die Sexualität ändern?

Die Sexualität ist flexibel

Thérèse Hargot, eine Sexualpädagogin, Sexologin und Philosophin, findet: „Homosexuell sein oder nicht sein, das ist die Frage, die man sich gar nicht stellen sollte. Ganz einfach, weil es ein ‚homosexuell sein‘ nicht gibt.“ Sie findet es höchst problematisch, wenn sie beobachtet, dass heute 14-jährige herausgefordert sind, zu entscheiden, ob sie homo- oder heterosexuell Seien. Das reduzieren auf die sexuelle Identität auf die nun alles bestimmende Identität findet sie beängstigend. Eine neue und knifflige Frage, schreibt sie, kommt neuerdings mitten in die Pubertät, mitten in den Identitätsfindungsprozess: Bist du hetero oder schwul? Es ist gerade die heutige Diskussion weswegen sie sich festlegen müssen. Thérèse Hargot begründet kritisch: „‚Homosexuell sein‘ erscheint wie ein festgelegter, nicht mehr änderbarer Zustand (‚Entweder bist du’s oder du bist es nicht‘) und ist damit gleichbedeutend, sich nicht mehr in jemanden des anderen Geschlechts verlieben zu können oder keine Liebesbeziehung zwischen Mann und Frau mehr eingehen zu können.“ Und Jakob Pastötter, Präsident der Deutschen Gesellschaft für sexualwissenschaftliche Sexualforschung kritisiert aussergewöhnlich scharf: „Die in Lobby-Organisationen zusammengeschlossenen Wächter einer orthodoxen Auslegung von sexueller Identität ignorieren wissenschaftliche Erkenntnisse und zeichnen das Bild einer Identität, die, einmal festgestellt, nicht mehr hinterfragt werden kann.“
Kritisiert werden zwei Dinge: a) dass man aus gleichgeschlechtlicher Anziehung maximal verkürzt und unisono eine sexuelle Identität macht und b) dass eine orthodoxe Auslegung alle anderen Wahrnehmungen und die weit grössere Flexibilität der Sexualität im Ansatz ignoriert, ja geradezu verteufelt. Ist das die Erfüllung der Forderung nach Ergebnisoffenheit?

Und in ihrem Buch erwähnt die Fachfrau ein weiteres grosses Paradoxon. Wer wirklich frei sein will, muss sich entscheiden. Wer entscheidet, sich als schwul zu outen, ist frei. Der Betroffene hat sich nun endlich emanzipiert und trägt das nun wie ein Banner vor sich her. Es ist aber eine Entscheidung, die die Menschen auf die Sexualität reduziert, so Hargot weiter. Ist diese Reduzierung wirklich Freiheit?

Einschub
Eins muss man nach jahrzehntelanger falscher Einimpfung klarstellen: Diese Aussagen setzen voraus, dass wir allgemein und in grossem Konsens mit der Wissenschaft, schon längst nicht mehr davon ausgehen, dass Betroffene ein Schwulengen besitzen. Der Mensch entwickelt seine sexuelle Identität auf weit komplexerer und in dialogischer Art mit der Umwelt und Kultur. Er ist keineswegs pränatal darauf programmiert. Viele Faktoren spielen mit. Der Einfluss der Biologie und Genetik ist, in breiter wissenschaftlicher Akzeptanz, relativ klein.

Es gibt keine Homosexualität!
Der Satz von Hargot wirft aber noch ein anderes, auf den ersten Blick simples, Thema auf: Was ist eigentlich Homosexuell, Homosexualität, schwul sein? Wir tun ständig so, als sei das eindeutig und glasklar. Eine der grössten wissenschaftlichen Zusammenfassungen zu diesem Thema, beschreibt das Dilemma so: „Lisa Diamond hat festgestellt, dass es ‚derzeit keinen wissenschaftlichen oder allgemein gültigen Konsens zur genauen Konstellation von Erfahrungen gibt, die ein Individuum endgültig als lesbisch, schwul oder bisexuell kennzeichnet’.“ Fazit: Wir wissen gar nicht, was mit „Homosexuell“ usw. genau gemeint ist. Ist es beispielsweise eine Gender-Identität oder eine sexuelle Identität, beschreiben wir damit ein Begehren und/oder Verhalten? Geht es um sexuelle versus liebevolle Empfindungen, eine früh versus spät erscheinende Anziehung und/oder Phantasie oder um eine soziale Identifikationen mit sexuellen Profilen? Wir müssen uns darum ernsthaft die Frage stellen: Was meint jemand, wenn er sagt, er sei homosexuell? Und wenn wir das Beispiel von Hargot anschauen, dürften Teenager in diesen Fragen nicht mehr ergebnisoffen begleitet werden.

Denkverbote
Die Frage aber dürfte noch weit grösser sein, denn die political Correctness führt konkret dazu, dass z.B. das Anbieten kritischer Literatur - auch wissenschaftliche - aus dem Programm von Amazon gestrichen wurde. Ist das, in einer digitalen Welt, eine Art „Bücherverbrennung“? Oder kommt die noch? Alles, was sich kritisch mit dem Thema beschäftigt, muss entfernt werden. Tönt das nach demokratischer Diskursbereitschaft? Wir produzieren nicht nur ein Therapieverbot, sondern auch eine Art Denkverbot. Den medialen Maulkorb haben wir schon seit rund 20 Jahren. Nach dem Artikel der Sonntagszeitung vom 16.06.19 wurde mir klar: Ich kann 100 Wissenschafter zitieren, der Journalist kann oder will nicht darauf eingehen. Da denken viele wohl eher an eine Gesellschaft mit betreutem Denken. Es muss ein Treppenwitz der Geschichte sein, dass ausgerechnet die Linke der 68er-Bewegung, die sich Ausbrechen und Rebellion auf die Fahne geschrieben hat, uns allen so viele Denkverbote gesetzlich aufzwingen will.

Die monosexuelle Diktatur
Diese Festlegung der Sexualität nannte Gunther Schmidt schon vor längerer Zeit: Monosexualität. „Jedenfalls schuf diese Entwicklung erst Zwangsheterosexualität und Zwangshomosexualität in der jetzigen krassen Form und Heterosexualisten und Homosexualisten, die sich stur einer sexuellen Orientierung zuordnen und dies für die – im Wortsinn! - natürlichste Sache der Welt halten.“ Er meinte damit, die unverrückbare Festlegung auf diese oder jene sexuelle Anziehung. Er benannte damit kritisch diese Lehre des Unverrückbaren. Schmidt beschreibt im Artikel wie einer seiner Patienten eine „unfreiwillig“ Veränderung von homo- zu heterosexuellem Angezogensein erlebte.

Ein Aspekt der psychosexuellen Identität
Lassen sich aber Menschen so schematisch einreihen? Ist es so schwarz-weiss? Schon viel früher (1948) beobachtete Alfred Kinsey eine viel breitere und fliessendere Fächerung der Sexualität. Die Kinsey-Skale entstand und wird bis heute in der Sexualwissenschaft akzeptiert. Wir erleben in der Beratung nicht selten, dass Menschen sich emotional ins andere Geschlecht verlieben und sich (in allen Abstufungen) erotisch zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlen. Dabei kann sich das im Verlaufe des Lebens verändern. Was erklären Betroffene für das entscheidende Merkmal ihrer Identität? Ihre sexuelle Orientierung oder ihr Bindungsbedürfnis?

Sprachlich wird das auch an einer anderen Stelle deutlich. Wenn es zum Beispiel um AIDS- bzw. HIV-Statistiken geht, reden wir nicht mehr von Schwulen, sondern von MSM. Männer, die Sex mit Männern haben. Da ist das Wissen vorhanden: Es haben wesentlich mehr Männer Sex miteinander, als sich als Schwul oder Bisexuell bezeichnen würden. Mit MSM wird nun differenziert.

Liselotte Mahler schreib„Die sexuelle Orientierung ist eine mehrdimensionale und individuell flexible Zusammensetzung aus der sexuellen und emotionalen Anziehung zum eigenen (homo), zum anderen (hetero) oder zu beiden (bisexuell) Geschlechtern, einschliesslich erotischer Fantasien, sexueller Aktivität und Bedürfnis nach Liebe und Emotionen. Diese Komponenten können in einem Individuum kongruent oder diskongruent existieren. Sexuelle Orientierungen beschränken sich eben nicht auf das sexuelle Verhalten, sondern schliessen vielmehr Verlangen, Fantasien und Attraktion mit ein… Darüber hinaus muss aufgrund der Mehrdimensionalität der sexuellen Orientierung sowie aufgrund der Vielfältigkeit des Auslebens das Konstrukt einer Dichotomie in „die Heterosexualität“ und „die Homosexualität“ grundsätzlich infrage gestellt werden“ Und das macht die ganze Schwierigkeiten auf einer anderen Ebene deutlich, denn Mahler ist eine vehemente Gegnerin einer Konversionstherapie.
Fazit: Auch eine vehemente Gegnerin einer Konversionstherapie, Liselotte Mahler, steht vor dem Problem der Vielschichtigkeit und Mehrdimensionalität der Sexualität. Und nun stellt sich die Frage: Ab wann, darf sich jemand Hilfe zur Reflexion in einer Beratung/Therapie/Seelsorge holen? Und ab wann soll jedes kritische Hinterfragen unter Strafe gestellt werden, wenn das Ganze eben gerade nicht so einfach in Schwul bzw. Hetero aufgeteilt werden kann?

Queer- bzw. Gender-Theory
Ende der 1980-er Jahre gab es die Queer-Theory bzw. -Studies. Sie kamen aus der Schwulenbewegung, wie die Chef-Ideologin der Gender-Lehre, Judith Bulter, übrigens auch. Diese Strömung verschmolz bzw. ist in vielem ideologisch deckungsgleich. Die Queer-Theory hat sich inzwischen in der Gender-Theorie mehrheitlich aufgelöst. Ein Ziel wurde damals vorgegeben: Abschaffung der Heteronormativität zugunsten einer allgemeinen Bisexualität. In der Queer Theory gab es noch die Kritik an der festen Zuschreibung von Identität: „Viele kulturelle Anstrengungen werden darauf verwendet Homosexualität als von der Definition her eindeutig darzustellen sowie ein Denksystem zu erhalten, das Heterosexualität und Homosexualität radikal und demonstrativ voneinander trennt. Modernes Wissen über die Kategorien sexueller Identifizierungen ist indessen alles andere als in sich stimmig.“ „Butler meint, dass Geschlechtsidentität nichts Festes ist, dass sie sich im Laufe des Lebens immer wieder verändert und entwickelt und dass alle Menschen ihre Geschlechtsidentität ständig neu herausfinden müssen und sollen.“ Genau das meint der Begriff der Genderfluidität. Im Begleittext zum Film FlüssigesWasser heisst es: „Eine genderfluide Person kann sich manchmal als Mann*, andere Male als Frau* fühlen. Dies kann alle paar Tage, Stunden oder gar Minuten wechseln.“ Wir können uns fluid in alle Gender verwandeln, unsere Gender ständig neu interpretieren - 72 sollen es sein - nur etwas geht gar nicht: von homo- zu heterosexueller Anziehung.

Nun, die Queer- oder Gender-Theorie muss man so nicht vorurteilslos annehmen, aber eine ernsthafte und offene Diskussion müsste darüber geführt werden. Zumal diese Theorie gerade aus dem Raum der Schwulenbewegung stammt oder mindestens zentral mitgeprägt wurde/wird.



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