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Sexualität gestalten - Entscheidungen treffen!

Was ist therapeutische Beratung?*

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Wir wollen etwas über das aussagen, was wir unter Beratung verstehen und eine Orientierung dafür geben, für wen Beratung Sinn macht.

Wann macht Beratung Sinn?
Zwei Dinge braucht es, damit eine Beratung Sinn macht: Ein Thema oder eine Frage und die Motivation, sich für diese Frage zu engagieren. – Wer von anderen zur Beratung geschickt wird, also unfreiwillig kommt, bringt oft nur das Thema mit, das andere ihm aufgenötigt haben, was sich verständlicher Weise auch auf die Motivation auswirkt.

Ein zweites: Beratung macht nur Sinn, wenn wir ein Thema in uns SPÜREN! Oft denken wir uns ein Problem, weil wir etwas über ein bestimmtes Thema gelesen haben oder weil wir einen Vortrag oder eine seelsorgerliche Konferenz besucht haben. Denken bedeutet aber oft, dass ich einen logischen Kontakt zu einem Lebensthema herstelle. Da Lebenskonflikte aber meist in tiefliegenden Sehnsüchten oder in ungestillten Bedürfnissen wurzeln, die sich über Gefühle wie Angst, Trauer, Wut oder Scham äußern, ist das Fühlen die Türe zu unserem Problem. Denn etwas, das ich in mir nicht als Konflikt spüre, kann ich auch nicht verändern.

Drittens: Beratung macht nur dann Sinn, wenn ich die Frage, die ich in mir trage, nicht ohne fremde Hilfe lösen kann. Oft geschieht es, dass Ratsuchende, nachdem sie zu ihren inneren Fragen Kontakt aufgebaut haben, merken, dass sie für die Beantwortung ihrer inneren Fragen keine Hilfe brauchen. Das ist gut, denn nicht jedes Problem braucht beratende Hilfe durch Dritte. Manche Menschen dagegen spüren, dass sie noch nicht über die nötige Problemlösungskompetenz und Beziehungsfähigkeit verfügen. Für sie macht Beratung Sinn.

Um welche Konflikte geht es in der Beratung?
Da der Mensch nur am Du zum Ich werden kann, sind die Konflikte, um die es am häufigsten in der Beratung geht, Beziehungskonflikte.

Dies trifft auch dann zu, wenn Menschen mit einem Symptom, wie Sucht, Angst, Depression, Zwängen oder Schwierigkeiten im Bereich ihrer Identität oder Sexualität in die Beratung kommen. Oft ist das Symptom nichts anderes, als der hilflose Versuch, eine tief liegende Beziehungsverletzung zu heilen.

Beratung will dem Einzelnen helfen, den Konflikt in dem er steckt, zu verstehen. Beratung fragt daher, was ist dem Menschen passiert, der das Symptom einer Sucht ausgeprägt hat, der sich auf Beziehungen zu Menschen nicht einlassen kann, der sich von anderen Menschen abhängig machen muss, der sich seiner sexuellen Orientierung unsicher ist, der eine Depression ausbildet.

Stellt man diese Frage, so taucht oft ein Verletzungsmuster auf, das so klingen kann: Ein Vater beauftragt seine sechs Jahre alte Tochter etwas aus dem Keller zu holen. Diese äußert, dass sie Angst hat und daher nicht in den Keller gehen will. Daraufhin wird der Vater laut, schimpft mit dem Mädchen und sagt, dass es sich nicht so anstellen soll. Mit der Botschaft, dass man im Keller keine Angst haben muss, schiebt er es zur Türe hinaus. – Das Mädchen geht, verbietet sich die Angst und macht, was ihm aufgetragen wurde.

In einer solch scheinbar normalen Situation geschieht folgendes: Das Bedürfnis des Kindes durch den Vater geschützt, anstatt in den unheimlichen Keller geschickt zu werden, wird verweigert. Gleichzeitig wird dem Kind gesagt, dass seine Angst unbegründet sei; sie lernt dadurch, Angst zu verdrängen. Und sie lernt vielleicht auch das: Männer schützen nicht und nehmen Gefühle, die man hat, nicht ernst. – Aus solchen Erfahrungen folgt, dass die vorbehaltlose Ich-Du Beziehung zwischen Tochter und Vater gestört wird und kommt es zur Verallgemeinerung, werden auch die künftigen Ich-Du Beziehungen zu anderen Männern unter einen Verletzungsvorbehalt gestellt. - Daneben hält das Mädchen hinfort Gefühle aus Beziehungen heraus, verdrängt sie sogar aus ihrem eigenen Bewusstsein. Mit dieser Hypothek belastet, geht sie in die nächste Beziehungserfahrung hinein, mit dem Ergebnis der Enttäuschung. Denn wer nicht alles in Beziehungen einbringt, kann keine befriedigenden Beziehungen erleben. Ob sie die wachsende Unzufriedenheit später mit einer Sucht beruhigt oder damit, dass sie eine Depression ausbildet, wissen wir nicht. Soviel ist aber klar: Am Anfang war eine Beziehungsverletzung und am Ende steht Lebensunzufriedenheit, manchmal Depression, manchmal eine Sucht, die mit der ursprünglichen Beziehung scheinbar wenig zu tun hat und doch eine Folge davon ist.

Sicher stimmt es, dass Menschen nicht aufgrund einer solchen Verletzung für den Rest ihres Lebens traumatisiert sind. Der Mensch braucht viele solcher verletzenden Episoden. Was uns aber Probleme schafft, sind nicht gelungene Beziehungserfahrungen. Sie führen zur Abwertung, zur Abspaltung, zur Ausblendung und zum Misstrauen. Wohl meinen wir uns durch solche Hilfsmittel der Psyche schützen zu können, gleichzeitig fügen wir uns aber lang anhaltenden Schaden zu: denn wer in Beziehungen nicht sein ganzes Ich einem Du anvertrauen kann, wer sich verstecken muss, wer etwas ausblenden oder draußen halten muss, der wird über kurz oder lang unglücklich werden.

Was ist das Ziel von Beratung?
Beratung will helfen, dass wir das Programm des Unglücklichseins beenden. Daher arbeiten in der Beratung Berater und Ratsuchender zusammen, damit der Mensch mit seinen Mitmenschen – und mit Gott – in einer Ich-Du Beziehung leben kann, in die er sein ganzes Wesen einbringen kann und umgekehrt. Das Wachstum aber, das unser Ich in solchen Beziehungen erleben darf, führt dazu, dass wir das Lebensprogramm des Unglücklichseins in die Lebensperspektive der Freude verwandeln dürfen.

Worum also geht es in der Beratung? Um Beziehungsarbeit! Ihr Ziel: Veränderungen im Leben, in den Beziehungen und in der Sicht über sich selbst einleiten, damit am Ende seelisches Leiden behoben wird und der Mensch ein befreites Leben führen kann.

Ein zentrales Thema der Beratung ist Bewusstmachung. Bevor also Berater und Ratsuchender sich den zentralen Themen einer Problemstellung zuwenden können, muss ein Bewusstsein für das Problem hergestellt werden. Erst auf der Grundlage einer klaren Problemsicht, kann der Ratsuchende sich für lösende Schritte entscheiden.

Damit ist schon angedeutet, dass Beratung in Phasen verläuft. Allerdings durchläuft nicht jeder Mensch zwangsläufig die gleichen Phasen. Denn Beratung ist ein Prozess und kein Programm.

Manche Menschen arbeiten in der Beratung daran, ihre inneren Regungen und Gefühle besser kennen zu lernen, um in ihrem Leben und ihren Beziehungen nicht mehr unbewusst, sondern bewusste Entscheidungen zu fällen.

Andere entdecken Verhaltens- oder Lebensmuster, die sie so verändern wollen, dass sie künftig glücklich, freier und selbstbewusster Leben.
Schließlich gibt es Menschen mit tiefen emotionalen Verletzungen. Sie nutzen Beratung, um diese Verletzungen mit verschiedenen Hilfestellungen des Beraters zu lösen.

Was ist die Rolle des professionellen Beraters?
Der Berater ist ein professioneller Wegbegleiter. Er kann gut zuhören und hilft, dass unbewusste und verdrängte Inhalte vom Ratsuchenden wahrgenommen werden können. Dabei lässt er dem Ratsuchenden viel Raum und Zeit, alles zu verstehen und Sprache dafür zu finden. Gleichzeitig bietet der Berater aber auch Schutz und Struktur an, damit der Prozess von Veränderung hoffnungsvoll und nicht bedrückend verlaufen kann.

Durch seine Professionalität hilft der Berater dem Ratsuchenden, sich zu erkennen, seine Muster, seine unbewussten Gefühle und Bedürfnisse. Er erarbeitet mit dem Ratsuchenden Ideen der Veränderung und hilft dort, wo Gefühle Raum brauchen, Trauer stattfinden oder sogar Wut ausgedrückt werden muss.

Eine der größten Stärken, die der Berater hat, ist seine Unabhängigkeit. Daher steht er in einer anderen Beziehung zur Sicht des Ratsuchenden. Eine solche unabhängige Sichtweise wirkt manchmal wie ein neuer Bedeutungsrahmen, der ein neues Licht auf die Dinge wirft, die sich im Leben des Ratsuchenden abspielen.

Und: Der Berater hat keine Angst. Er hat keine Angst, Themen beim Ratsuchenden anzusprechen oder ihn im geschützten Rahmen zu Gefühlserfahrungen oder neuen Beziehungserfahrungen einzuladen. Dort aber, wo Gefühle ausgedrückt und Beziehungen neu gewagt werden, findet Veränderung statt.
Welche Phasen der Beratung kommen vor?

Hier einige Phase oder Schwerpunkte die in der Beratung durchschritten werden können:
• Strukturierung: Mit dem Schwerpunkt Strukturierung ist das Ziel verbunden, dass der Ratsuchende sein Problem und die Muster seines Problems erkennt. Die Strukturierung soll helfen, ein Problem in seiner Gestalt bewusst zu machen. Am Ende der strukturierenden Arbeit von Berater und Ratsuchendem steht meist die Entscheidung für die nächsten Schritte in der Beratung. Stabilisierung: Auch wenn ich mein Problem nicht gelöst habe, kann ich leben.

• Konfrontation: Manchmal haben Menschen Abwehrmechanismen entwickeln müssen, um sich vor neuen Verletzungen zu schützen. Oft sind diese nicht bewusst, verhindern aber eine Arbeit an der inneren Verletzung und tauchen vor allem dann massiv und mit dem Anspruch auf, den Menschen zu schützen, wenn dieser an inneren Konflikten arbeiten will. – In der Phase der Konfrontation gibt der Ratsuchende dem Berater die Erlaubnis, ihn mit seiner unbewussten Abwehr  zu konfrontieren und mit ihm einen Weg zu erarbeiten, an dessen Ende dann eine Öffnung hin zum inneren Konflikt und damit ein Veränderungsprozess möglich wird.

• Durcharbeit von lebensgeschichtlichen Verstrickungen: Durcharbeit der lebensgeschichtlichen Verstrickungen geht von der Annahme aus, dass sich durch verletzende Beziehungen in der Vergangenheit bestimmte Muster in unserem Leben eingestellt haben. Oft sind es auf der einen Seite Erwartungsmuster: So denkt der Mensch, dass andere etwas Bestimmtes von ihm erwarten, ihn in einer bestimmten Weise bewerten oder gar die Beziehung zu ihm meiden und ihm etwas vorenthalten. Auf der anderen Seite haben verletzte Menschen Erwartungen an andere. Inhalt der Erwartungen sind meist grundlegende Lebensfragen und Bedürfnisse, die andere nicht beantwortet oder gestillt haben. Diese verstrickten Erwartungen, die häufig in gegenwärtigen Beziehungen problematisch fortwirken, werden in dieser Phase bewusst gemacht und in Vergangenheit und Gegenwart so gelöst, dass der Ratsuchende ein neues befriedigendes, erfülltes Leben in geklärten Beziehungen führen kann.

• Gefühlsarbeit - Durcharbeit der verletzten Gefühle: Menschen, die Gefühle verdrängen mussten, weil Situationen nicht mehr aushaltbar waren, brauchen Raum, ihre Gefühle neu zu finden und verletzte Gefühle auszudrücken. Sie brauchen aber auch Zeit, um Gefühlsempfindungen zu erlernen und den Ausdruck von Gefühlen einzuüben. Denn nur der Mensch, der blockierte Gefühle entkoppelt und Gefühle wahrnehmen kann, kann in Beziehungen und im Leben gegenwärtig sein, ja spürt, wie er in gesunder Distanz und Nähe Teil des Lebens ist. Denn Gefühle wie Angst oder Wut sind es, die uns auffordern, Distanz einzunehmen; Gefühle der Freude und des Wohlbefindens sind es, die uns die Zuwendung anderer spüren lassen und uns Kraft geben, uns mit dem anderen auf gute Weise zu verbinden.

• Regression - Nach-Beelterung oder Re-Childing: Nicht jeder Ratsuchende kann allein durch die Durcharbeitung von lebensgeschichtlichen Verstrickungen Veränderung erleben. Menschen, die besonders stark verletzt wurden, haben das Recht, Vertrauen aufzubauen und eine Atmosphäre der Bejahung ihrer Person zu erleben, die ihnen zur Ausreifung ihres Ichs hilft. Für solche Menschen schaffen wir einen geschützten Rahmen, in den sie ihre Kind gebliebenen Ängste und Fragen, Wünsche und Befürchtungen einbringen können. Innerhalb dieses Rahmens sollen sie neue, vertrauensbildende Beziehungserfahrungen machen können, die ihnen zum Wachstum und Reifung ihrer Person helfen können.

• Enttraumatisierung oder Entstressung - Lösung tiefer liegender Traumata: Für Menschen, die tief liegende Traumata erleben mussten, genügt manchmal nicht die Durcharbeit von lebensgeschichtlicher Erinnerung. Sie brauchen Hilfe bei der Traumabewältigung. Dies ist einmal Hilfe durch imaginative Techniken und Hilfe durch Anregung der Verarbeitung in bestimmten Regionen des Gehirns, in denen sich das Trauma als unverarbeiteter Stress festgesetzt hat. Voraussetzung für die entstressende Arbeit ist allerdings, dass der Ratsuchende in seinem Leben, in seinem Problemverstehen stabil ist und dass Vertrauen zwischen ihm und dem Berater vorhanden ist.

• Integrationsphase - Integration und Stabilisierung des neuen Lebensentwurfs: Mit diesem Schwerpunkt wird meist ein Beratungsprozess abgeschlossen. Es gibt aber auch Beratungsverläufe, in denen dieser Schwerpunkt den meisten Raum einnimmt. Jedenfalls werden Menschen in der Integrationsarbeit angeleitet, ihre eigenen Ressourcen und Kompetenzen zu nutzen, um ihre Alltagsprobleme oder Beziehungsschwierigkeiten zu lösen. Der Berater wirkt in dieser Phase wie ein Coach, der dem Ratsuchenden Hoffnung vermittelt und ihm aufzeigt, dass er fähig ist, sein Leben umzugestalten und seine Beziehungen immer wieder neu zu beleben.

Unterschiedliche Konzepte
Zu uns kommen immer schon Menschen mit unterschiedlichen Anliegen und Problemlagen. Jede Problemlage braucht ein anderes Herangehen. Wir haben daher unterschiedliche Stile oder Konzepte der Arbeit entwickelt. Zum Beispiel:

•    Begleitung bei Fragen des Frau- bzw. Mannseins und der Entwicklung von Persönlichkeit.

•    Begleitung von missbrauchten Menschen.

•    Begleitung von Menschen, die Fragen in Bezug auf ihre sexuelle Orientierung haben.

•    Begleitung von Menschen, die in einer Identitätskrise stecken und an der Reifung ihrer Person arbeiten wollen.

•    Begleitung von Menschen mit Konflikten im Bereich sexueller Sucht.


*dieser Text wurde von wuestenstrom Deutschland übernommen.
Letzte Änderungen: 24.04.17